Höhepunkte der Ostsee – Teil 2/3

5. Tag

Der Bordwecker holt uns um 7.30 Uhr schwungvoll aus den Federn. Sein Motto heißt „Jeden Tag ein Lächeln verändert die Welt“. Und wir haben allen Grund zu lachen. Wir erleben eine wunderschöne Reise zu den Höhenpunkten der Ostsee. Mit ihren Beiträgen betreibt sie eine lebendige Morgengymnastik für die Seele. Der Bordpfarrer hat herzlich zu einer ökumeni-schen Morgenandacht eingeladen. Keinem wird es an diesem langweilig. Die Bordband gestaltet heute einen  „Singenden Frühschoppen“. Neben musikalischen Beiträgen hat auch das Küchenteam Extras vorbereitet: Leberkäse und Kartoffelsalat. Das Mittagessen könnten wir ja ausfallen lassen! Aber …

Um 15.15 Uhr wird unser Ausflug „Tallinn und Freilichtmuseum Rocca al Mare aufgerufen. Die Reiseleiterin stellt uns während der Busfahrt ihr Land vor. Die Stadt Tallinn, so erfahren wir, besteht aus drei Städten: dem Domberg mit der Oberstadt, der Unterstadt und jenseits eines Grüngürtels und der Mauern, die noch zu einem Großteil erhalten sind, die Neustadt. Das frühere Reval liegt am Finnischen Meerbusen. Von der Burg auf dem Kalksteinhügel des Dombergs überblicken wir das faszinierende Gewirr von mittelalterlichen Dächern und Pflasterstraßen, aus dem hier und da schlanke Kirch- und trutzige Wehrtürme ragen. Auffällig sind auch die prächtig gestalteten Wetterfahnen, sichtbares Zeichen von Macht und Anerkennung. Die UNESCO hat 1997 die sanierte Altstadt mit dem Bollwerk als Weltkulturerbe gewürdigt. Estland, so versichert uns die örtliche Reiseleiterin, hat den Aufbruch aus der sozialistischen Eiszeit gemeistert.

Und die Esten sind stolz auf ihre Fortschrittlichkeit. Allerdings gelten die ehemaligen russischen Bewohner als Esten zweiter Klasse, die teilweise verarmt sind, ausgegrenzt sind, lediglich ihre russische Sprache verstehen und heimatlos im Lande sind, da sie keinen estischen Pass erhalten. Das moderne Estland ist das Land der 1000 Stimmen. Seit der „singenden Revolution“ in den 80er Jahren, als 200 000 Esten das verbotene Volkslied „Estland – meine Heimat“ sangen, richtet Estland  bedeutende und viel beachtete  Sängerfeste aus. Und zur Mittsommernacht geraten die Esten völlig aus dem Häuschen. Dann sind die Schatten der Vergangenheit ebenso vergessen wie die Sorgen der Zukunft. Und überdeutlich drückt Maria immer wieder ihren Hohn gegenüber den einstigen Machthabern aus. Die sowje-tischen Plattenbauten tituliert sie als Trotzkisten. Und ein Denkmal beschreibt sie folgendermaßen: He, Taxi, mein Mann ist besoffen, mein Kind ist müde, ich will nach Hause. Und gar beim Straßenbau muss alles Sozialistische weg, damit die Autos nicht so hopsen müssen.

Das Freilichtmuseum Rocca al Mare, an der Küste 10 km westlich der Stadt gelegen, bietet mit originalgetreu wieder aufgebauten Fischerkaten, Windmühlen und Bauernhöfen einen guten Einblick in das estnische Landleben der letzten 150 Jahre.

Den interessanten Ausflug in die estnische Geschichte beschließt eine Volkstanzgruppe.

Nach dem Abendessen genießen wir ein russisches klassisches Konzert „Polowetzer Tänze“. Dieses Konzert bleibt uns in Erinnerung, da sind wir sicher. Virtuos beherrschen alle drei Künstler ihre Instrumente. Und dieser Abend zählt auf unserer Reise zu den besonderen Erlebnissen. Es fällt zwar schwer, nach diesem Konzert wieder auf den Boden zurückzukehren, aber die „Late night spezial“ im Captain´s Club reizt uns dennoch.  Heute haben wir es lange ausgehalten. Um 2.00 Uhr beginnt endlich die Nachtruhe.

6. Tag

Der „fröhlicheBordwecker“ rüttelt uns nach kurzem Schlaf um 7.30 Uhr musikalisch wach. Eigentlich, meint sie, sei bei der Nebelsuppe kein Grund aufzustehen. Doch wir sind nicht zum Schlafen aufgebrochen. Kaum hat sich der Nebel gelichtet, passiert unsere Kreuzfahrtschiff um 9.30 Uhr die Befestigung Kronstadt auf der Insel Kotlin vor den Toren der Stadt zum Schutz vom Sankt Petersburg. Von den Nachfolgern Peter I. wurden die Pläne für den Bau einer Befestigungsanlage weiter fortgesetzt, so dass sich Kotlin in der Mitte des 18. Jahrhunderts zum wichtigsten russischen Flottenstützpunkt entwickelte. Die „traurigen“ Überbleibsel können wir bei der Vorbeifahrt erkennen.

Erst nach dem Mittagessen erreichen wir um 13.00 Uhr St. Petersburg. Der Ausflugsplan sieht für uns am Nachmittag die Besichtigung des Palastes Peterhof vor, am Abend dann einen Galaabend im Jusupovpalast. Eine Hafenband begrüßt uns mit forscher Musik. Danach heißt es: Abfahrt zum ältesten Zarensitz. Der Peterhof liegt 30 km westlich von St. Petersburg. Für Peter den Großen von Jean-Babtiste Leblond, dem Architekten Ludwigs XIV., errichtet, wurde die Anlage später von Rastrelli erweitert.

Peterhof war, so unsere russische Reileleiterin, eine Sommer-residenz der russischen Zaren, ein grandioses Park- und Schlossensemble am Ufer des Finnischen Meerbusen. Damit die Böden geschont werden, müssen alle Gäste in Überschuhe schlüpfen. Peter der Große wollte daraus eine Art Denkmal für den Sieg Russlands über die Schweden machen. So versinnlicht beispielsweise die Fontäne „Samson reißt dem Löwen den Rachen auf“ den Sieg bei Poltawa im Jahre 1709. Bevor wir uns aber m Park umsehen, werden wir durch die prunkvollen Räumlichkeiten des Peterhofes geleitet. Danach nimmt aber das prächtige Schauspiel der Großen Kaskade mit dem Samsonbrunnen im Zentrum unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Staunend verharren wir.

Wir kehren rechtzeitig um 18.00 Uhr an Bord zurück, bevor wir nach dem Essen um 19.30 Uhr zum Jusupovpalast aufbrechen. Olga übernimmt die Führung durch diesen Palast. Auf der großzügigen Freitreppe werden wir „standesgemäß“ von in Rokokokostümen gekleideten „Lakaien“ begrüßt. Das Palais der Fürsten Jusupov widerspiegelt den Glanz seiner Zeit. Olga geleitet uns durch die Prunksäle und verweilt im Zimmer des „Wunderheilers“ Rasputin, der zunehmend Einfluss auf die Zarin gewonnen hatte. Olga zeigt uns auch den Ort, wo der vermeintliche Wunderheiler und Zarenberater im Dezember 1916 von Angehörigen der Hofgesellschaft ermordet wurde. Unklar blieb lange Zeit der tatsächliche Hergang der Ermordung Rasputins. Zunächst reichte man Rasputin mit Zyankali vergifteten Kuchen, den er aber genussvoll vor der angekündigten Audienz bei der Zarin  verzehrte, ohne dass die gewünschte Wirkung eintrat. Die Verschwörer schossen danach kopflos auf Rasputin, und als er immer noch nicht sterben wollte, warf man ihn schließlich in ein Eisloch eines Nebenkanals der Mojka.

Nach einer kleinen Pause bringt uns Olga zum Sektempfang im großen Saal und danach zum kleinen Theater, wo unter der Leitung von Michael Winogradow  die Solosänger vom St. Petersburger Theater für Oper und Ballett ein Gala-Konzert für die Gäste der Maxim Gorki zelebrieren von hoher Qualität, begeisternder Stimmführung und Ausstrahlung. Ohne die Qualität der Künstler schmälern zu wollen, bleiben die Auftritte der Nina Arsentjrva mit „Sizilianische Vesper“ und „Nachtigall“ in besonderer Erinnerung.

7. Tag

Was zwitschert denn da in unserer Kabine? Liegen wir wirklich im Bett? Wir sind doch erst vor ein paar Minuten zu Bett gegangen! Ein Blick auf die Uhr belehrt uns eines Besseren. Es ist zwar erst 6.30 Uhr, und der „Störenfried“ ist wieder unser Bordwecker, der uns aus den Träumen und Federn lockt. Ein ereignisreicher zweite Tag in St. Petersburg erwartet uns: die große ganztägige Stadtrundfahrt ab 8.45 Uhr.

Wir sind die Ersten, die heute die prächtigen Gebäude, u.a. auch die Eremitage und die 47 m hohe Alexandersäule, die an den russischen Sieg über Napoleon erinnern soll, bewundern dürfen. Wie Venedig und Amsterdam ist St. Petersburg eine Wasserstadt, kreuz und quer von 65 Kanälen durchzogen und von Hunderten von Brücken zusammengehalten. Die bedeutendste Wasserstraße ist die Newa, die sich in den Finnischen Meerbusen ergießt. Innerhalb von St. Petersburg wurde sie durch Granitufer eingedämmt. Der Zauber der Stadt geht von der Anordnung der im 18. Jahrhundert entstandenen Plätzen, Parkanlagen, Paläste und Monumente aus.

Unser Reiseleiter hat ein Herz für die Fotografen. An bedeutenden Stellen lässt er den Bus anhalten und Fotostopps einschieben. Nördlich der Newa beherrscht die Peter-Pauls-Festung die Szenerie. Dieses Bollwerk, das die Flussschifffahrt überwachen sollte, wurde 1703 mit Mauern aus Holz und Lehm begonnen, danach aber beeindruckende Schutzwälle aus rotem Backstein gebaut. Das dominierende Gebäude innerhalb der Festung ist die Peter-Pauls-Kathedrale. Die zierliche vergoldete Spitze des Glockenturms trägt einen Engel mit Kreuz.  Einen weiteren Fotostopp legen wir am Ende des Petrogradskaja-Kais ein. Hier liegt der Panzerkreuzer Aurora vor Anker, der 1917 mit einem Schuss das Zeichen zum Angriff auf den Winterpalast gab. Bewundern können wir auch ein weiteres Wahrzeichen der Stadt, den Turm der Admiralität mit seiner goldenen Spitze, die in einer Wetterfahne in Bootsform endet.

Charakteristisch für die Silhouette der Stadt ist auch die 1858 vollendete Isaac-Kathedrale mit ihrer riesigen, von Engelsfiguren umgebenen Goldkuppel.  Die Paläste, erklärt uns unser Reiseleiter, sind vorwiegend in Privatbesitz. Mit einem Kaufvertrag haben sich die neuen Besitzer verpflichtet, die Ge-bäude zu renovieren. Uns fällt vornehmlich die dichte Bebauung auf – Gebäude reiht sich ohne Zwischenraum an das nächste Gebäude – und unser Guide berichtet, dass allein in St. Petersburg 40000 Häuser renovierungsbedürftig sind. Unser versierter Reiseleiter versteht es, seine Gäste zu unterhalten. Er fragt uns: Warum klauen die Russen in Deutschland zwei Autos? Antwort: Sie müssen noch durch Polen. Weiterhin fällt uns auf, dass wir keine Radfahrer zu Gesicht bekommen.

Das Mittagessen nehmen wir in einem Restaurant des Katharinenpalastes ein. Welche Pracht empfängt uns an diesem Ort! Nach dem gewöhnungsbedürftigen Mahl betreten wir die Parkanlage durch ein goldenes Tor. Und wiederum schlüpfen wir in leichte Überzieher, bevor uns unser Guide durch alle dem Publikum zugängigen Räumlichkeiten führt. Besondere Beachtung findet freilich das Bernsteinzimmer, das wir leider nicht fotografieren dürfen. Aber auch die Außenanlage besticht durch Eleganz und Formschönheit. Glücklicherweise müssen wir uns nicht einer höfischen Steife unterwerfen und dürfen uns frei bewegen, bis unsere Gruppe zur Besichtigung aufgerufen wird.

Fast geblendet von diesem Prunk kehren wir zu unserem Kreuzfahrtschiff zurück. Einen schwungvollen Abend gestaltet das Showballett „Vom Tango bis Kalinka“. Seit unserer ersten Begegnung mit diesem jungen Ensemble können wir einen mächtigen Fortschritt bei der Wahl der Kostüme und der Tanztechnik erkennen. Dem Angebot „Kaiserschmarren“ können heute beim Mitternachtssnack nicht alle widerstehen und lassen sich zu später Stunde noch verwöhnen. Beim obligatorischen Hefenweizenbier beschließen wir den Abend im Separee hinter der Bar. Die Uhr wird heute eine Stunde zurückgestellt, so dass wir noch vor Mitternacht ins Bett kommen.

8. Tag

Für die Strecke von St.Petersburg bis nach Helsinki muss unser Kreuzfahrtschiff 180 Seemeilen zurücklegen. Schon um 6.30 Uhr ruft unser Bordwecker den neuen Tag aus. Nur 13° beträgt die Außentemperatur. Dichter Nebel verhindert jegliche Sicht. Wir haben uns dazu entschlossen, nach dem Frühstück ab 9.00 Uhr die finnische Metropole auf eigene Faust zu erkunden. Entgegen unserer Erstplanung „Fußweg“ bringt und ein Shuttlebus ins Zentrum der Stadt. Die Haltestelle liegt dicht am Tagesmarkt, auf dem neben Gemüse und Obst auch Kunstprodukte des Landes angeboten werden. Doch nicht zu lange halten wir uns hier auf, besichtigen die Uspenski-Kathedrale und machen uns dann auf den Weg zum prächtigen Dom. Den klassizistische Dom (Entwurf:Carl Ludwig Engel ), mit nur einer Kuppel geplant, doch ab 1840 durch vier kleine Kuppeln mit vergoldeten Sternen erweitert, besichtigen wir, nachdem wir eine großzügige Außentreppe bestiegen haben. Der Fries ist mit Kopien der Kathedrale von Kopenhagen geschmückt. Das Innere des lutheranischen Gotteshauses ist schlicht und nüchtern, enthält aber Statuen von Luther, Melanchton und Agricola.

Bei der Stadterkundung treffen wir auf Aktivitäten des Roten Kreuzes und auf einen Aktionstag der Europaunion. Über die elegante Einkaufsstraße Esplanadi gelangen wir zum Konzerthaus Filandia, lassen unsere mit einer Visitenkarte versehenen Luftballone in den blauen Himmel steigen. Den Weg zum Sibelius-Park schaffen wir aber nicht mehr, kehren um und füttern am Hafen die zahlreichen Möven, die uns umschwirren und nach Futter betteln.

Pünktlich kehren wir in unser schwimmendes Hotel zurück, und um 16.00 Uhr verabschiedet sich unser Schiff von Helsinki und nimmt Kurs auf Stockholm. Erstmals gerät unser Kreuzfahrtschiff beim Ablegen in Schwierigkeiten. Der starke Wind treibt den Luxusliner immer wieder an die Kaimauer zurück. Ein Schlepper bietet seine Dienste an.

Da wir das Mittagessen ausfallen ließen, finden wir uns ausnahmsweise in der Lounge zur Tee- und Kaffeestunde ein. Wir halten uns aber bei der Kuchenwahl zurück, denn bereits drei Stunden später wird das internationale Abendessen serviert. Am Abend wartet wieder eine besondere musikalische Attraktion im Musiksalon auf uns. Andy Bünger nimmt uns auf eine „Musikalische Weltreise“ mit und stellt seine vielseitige musikalische Begabung auf Marimbaphon, Panflöte, Hawaii-Gitarre, Schlagzeug, Trompete und Saxophon unter Beweis. Nach dem Konzert wollen wir im Captain´s Club bei der Dance-Night mit unserer Lieblingskellnerin ein Tänzchen wagen. Doch sieist zu beschäftigt und ausgepowert, um sich noch Dienstschluss den Gästen widmen zu können. Dafür haben wir Verständnis, zumal wir uns davon überzeugen können, dass ihre Augen am Morgen „noch schlafen“. Entschädigt werden wir aber dann noch in der Lounge mit einer Tanzeinlage des Reiseleitungsteams.

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