Norwegens schönste Fjorde und Nordkap

 

Teil 1/3

Montag, 31. Mai

Die schönsten Fjorde Norwegens und das Nordkap sind Ziel unserer gemeinsamen Nordlandtour. Unser Kreuzfahrtschiff haben wir bereits per Video kennen gelernt, und mit Hilfe diverser schriftlicher Informationen konnten wir uns auf diese besondere Reise vorbereiten. Unsicherheiten blieben aber dennoch, weil wir das Wetter nicht einschätzen konnten. Noch vor unserem Treff wiesen die „Wetterfrösche“ auf Tempera-turen um 5° hin, und auch die heute noch kurzfristig abgeru-fenen Wetterinformationen gaben zwar für den Süden Norwegens 18° an, allerdings hielten die kalten Temperaturen im Norden an. So konnten wir die Probleme beim Packen nicht beseitigen: Sommer- und Winterkleidung mussten mitgenom-men werden. Die letzten Plätzchen im Koffer waren ausgefüllt. Aber wir mussten die Koffer ja nicht schleppen. Der angebotene Service stimmte uns froh. Heute Abend können wir bei unseren Reisebegleitern die Koffer bereits einstellen, morgen fährt Fa Schneider unser Gepäck nach Karlsruhe, und wir brauchen uns weiterhin um unser Gepäck nicht mehr zu kümmern. Wir sehen es erst wieder in unserer Kabine. Alle wichtigen Unterlagen haben wir mehrfach kontrolliert, und nun können wir uns beruhigt zurücklehnen. Um 3.30 Uhr müssen wir aufstehen. Das wird eine kurze Nacht werden.

Unsere Gedanken beschäftigen sich nun noch mehr damit, was uns diese Reise bieten wird; auf alle Fälle einen Farbrausch der Natur und Wechselspiele des Lichts. „Ja, wir lieben dieses Land … „, so beginnt die norwegische Nationalhymne. Und die meisten von uns sind sich heute schon sicher, dass dieses faszinierende Land uns in seinen Bann schlagen wird und dass auch wir uns diesem „Urteil“ anschließen werden.

Dienstag, 01. Juni

Der Reisetag ist angebrochen: ein besonderer Tag, nicht nur wegen der Werbegags von Mediamarkt „Wenn Deutschland Europameister wird, erhalten alle Käufer, die am 1. Juni  einen TV erwerben, den vollen Kaufpreis zurück“. Wenig Schlaf war uns vergönnt. Die ersten Teilnehmer kommen bereits um 4 Uhr. Die „Kofferausstellung“ steht bald auf der Straße, und unser Transferdienst ist ebenfalls wie gewohnt pünktlich. Er kümmert sich allein um das Verladen des Gepäcks, und wir machen uns auf den Weg zur Straßenbahnhaltestelle. Alles klappt wie am Schnürchen. Um 5.08 Uhr kommen wir am Karlsruher Hauptbahnhof an, und wir durchqueren in wenigen Minuten die Bahnhofshalle. Unsere Plätze finden wir im „Oberdeck“. Pünktlich um 5.30 Uhr starten wir, begleitet von einem Sonnenaufgang. Dies wird sich hoffentlich als gutes Omen für unsere Reise erweisen!

Der Busfahrer erklärt wichtige Verhaltensregeln im Bus. Kaffee wird bereits zubereitet. 6.20 Uhr haben wir Heidelberg erreicht. Einige Reisegäste steigen hier zu. Um 8.00 Uhr kommen wir am Frankfurter Flughafen an. Weitere Reisegäste füllen allmählich unseren Reisebus. In Kirchheim wird „Die Reisekutsche“ die letzten Gäste aus München aufnehmen. Um 10 Uhr trifft der Zubringer ein. Als wir diese Gruppe erstmals sehen, beginnt eine Vorahnung zu keimen: Für die nächsten beiden Wochen wird unser Kreuzfahrtschiff zum „schwimmenden Altersheim“. Ab 11.30 Uhr verdichtet sich die Bewölkung, die Sonne duckt sich, aber kein Regen fällt, wenigstens vorerst nicht. Doch bereits eine Stunde später nimmt uns der Regen fast die Sicht. Zügig kommen unsere Fahrer voran, legen Pausen ein und auch die Schlangen vor den „Dufthöhlen“ werden immer länger. Als wir noch 100 km von Bremerhaven entfernt sind, lässt sich die Sonne wieder sehen. Um 16.30 Uhr hält unser Bus am Kolumbuskai.

Glücklicherweise müssen wir uns wirklich nicht um unser Gepäck kümmern. Der Weitertransport ist durchorganisiert. Wir werden bereits erwartet. Thomas geleitet uns  problemlos durch den Zoll, und an Bord übernehmen uns zwei Stewardessen. Sie geleitet uns sicher zu unserer Kabine.

Erste Unsicherheiten machen sich breit. Peter wird sich um die Tischreservierung kümmern. Wir erhalten die Tische 33, 34 und 35 im Odessa-Restaurant. Schon bald aber ist unsere Vereinbarung wieder vergessen, als einzelne Reiseteilnehmer ebenfalls zum Oberdeck geschickt werden, um die Tische im Restaurant zu buchen. So müssen bald Doppelreservierungen rückgängig gemacht werden. Das Telefon bei unseren Reisebegleitern steht nicht mehr still. Doch nicht alle werden in ihren Kabinen angetroffen und können auch nicht umgehend darüber informiert werden, dass ein Glas Sekt sie am Oberdeck erwartet. Um 19 Uhr können wir dann im Odessa-Restaurant unsere zugewiesenen Plätze einnehmen. Unsere Kellnerinnen heißen Elena, Olga und Larisa. Das Abendessen ist vielseitig, und die mehrfachen Auswahlmöglichkeiten machen die kleinen Portionen wieder wett. Getränke erhalten wir gegen Beleg, der Wein aber ist kostenlos.

Der erste Bordtag hat  es in sich. Beim Auslaufen regnet es. Und dann werden auch schon die ersten „Klagen“ laut: Wie kann man die Klimaanlagen abschalten? Wo finde ich den Hauptschalter für das Kabinenlicht? Wie funktioniert der Tresor? Wie erhalte ich fehlende Handtücher? Wann und wo gibt es das Frühstück? Wo buche ich den ersten Ausflug? Da heißt es wieder einmal: Ruhe bewahren! Morgen sieht die Welt wieder anders aus. Auch alle Probleme werden dann auch ausgeräumt sein.

Nach dem Nachtessen unternehmen wir einen kleinen Rundgang. An Deck erfreuen wir uns an der kühlen Brise. Wir entdecken die Einkaufsmeile auf dem Promenadendeck. An der Rezeption lassen sich sogleich auch einige Fragen klären. In der Bildergalerie werden bereits die Begrüßungsbilder präsentiert. Obwohl uns der Anreisetag doch ziemlich belastet hat, bringen wir noch die Kabine in Ordnung und machen uns mit dem Tagesprogramm des nächsten Tages vertraut. Gegen 23 Uhr aber unterbrechen wir unsere Aktivitäten und suchen die Nachtruhe bei hoffentlich ruhiger See.

Mittwoch, 02. Juni

Mitten im Schlaf – trotz harter Unterlage – spürt der Körper eine Veränderung. Als wir die Augen öffnen, dringt Helligkeit in unsere Kabine. Es ist kurz nach 5 Uhr. Die Sonne ist um 4.55 Uhr aufgegangen. Am fernen Horizont grüßt ein glühend roter Ball und sendet seine Strahlen wie wärmende Boten über das Meer direkt in unsere Kabine. Wir haben die Bullaugen-Fenster geöffnet und genießen die angenehme Frische. Trotz gestriger Anstrengungen fällt das Aufstehen nicht schwer. Erste Wolken ziehen am Himmel auf. Hoffentlich bleiben wir vom Regen verschont!

Um 7.30 Uhr meldet sich der fröhliche Bordwecker . Er zeigt sich über die ruhige See ganz begeistert. Dies sei für diese Gegend völlig ungewöhnlich. Die Temperatur der Luft beträgt 12°, der Außenpool ist mit 32° warmem Wasser gefüllt worden.

Heute ist auch Buchungsschluss für die Ausflüge. Man empfiehlt uns aber dringend, erst dem Diavortrag über alle Ausflugsmöglichkeiten zu folgen  und danach erst eine Entscheidung zu treffen. Nach einer sehr informativen Dia-Show treffen wir uns auf dem Sonnendeck, um  über die diversen Destinationen zu beraten. Wir haben glücklicherweise noch ausreichend Zeit bis zur endgültigen Entscheidung.

Der Tagesplan lässt heute kaum längere Pausen zu. Schon ruft das Mittagessen: vielseitig und Häppchenportionen!  Lange können wir uns heute ohnehin nicht im Restaurant aufhalten. Der obligatorische Übungsalarm steht bevor.

Kaum haben wir die Rettungswesten übergestreift, werden wir vor der Kabine abgeholt und zum Hauptgang geleitet.  Durch eine Generaldurchsage werden wir mit den verschiedenen Rettungseinrichtungen vertraut gemacht. Danach – der Sitz der Rettungsweste wurde bei jedem kontrolliert – führt man uns zum ausgewiesenen Borddeck. Die Übung ist kurz, und jeder hofft, dass er hoffentlich niemals mit einer ernsten Situation konfrontiert wird.

In der Kabine studieren wir erneut den Tagesplan. Bereits in einer Stunde beginnt der Diavortrag „Durch den Sognefjord nach Flam“, mit dem uns Georg Hahn auf das erste Ausflugsziel unserer Reise einstimmt. Eine Stunde später informiert uns Kreuzfahrtdirektor umfassend über den Gesamtablauf der Reise und gibt uns wichtige Informationen.

Bei der Weitläufigkeit des Schiffes ist es nicht leicht, die Gruppe zusammenzuhalten, so wird telefonisch zunächst ein-mal ein weiterer Treff vereinbart, wann wir uns zur ersten Abendveranstaltung treffen wollen.

Bald reihen wir uns in die lange Schlange der „Begrüßungswilligen“ ein, stehen uns die Beine fast in den Bauch, bevor sich die Menschentraube verjüngt und wir den Kapitän und den Kreuzfahrtdirektor persönlich begrüßen dür-fen. Der Musiksalon – für ca 380 Gäste konzipiert – platzt aus allen Nähten, muss er doch alle 600 Gäste aufnehmen. Der angekündigte Begrüßungscocktail ist in reiner Sektlaune. Nach Vorstellung aller Verantwortlichen bringt der Kapitän die Erwartung an die Kreuzfahrt auf den Punkt: „Wenn wir dabei die Daumen drücken, kommt alles bestimmt.“ Der meiste Beifall brandet allerdings bei der Vorstellung des Chefkochs auf.

Noch eine ganze Weile müssen wir es noch in unserer „Gala-Uniform“ aushalten. Beim Kapitäns-Dinner ist sogar der Kapitän persönlich anwesend und sitzt in unserer unmittelbaren Nähe an gesondertem Tisch, mit „ausgewählten“ Gästen, bei beson-derem Gedeck, Service und Ablauf. Für alle Reiseteilnehmer ist die heutige Menükarte besonders lang.

Auf der anschließenden Eröffnungs-Bühnen-Show stellt uns Bärbel Reif die Künstler vor. Das erwartete Feuerwerk bleibt aber am Boden. Die Darbietungen können kaum überzeugen. Doch wir sind höfliche Menschen und halten bis zum Schluss durch. Gefallen hat uns schon die Ballettgruppe „Advance“, doch den ehemaligen Tenor Sergej Rybin werden wir uns nicht weiterhin „gönnen“. Den angebotenen Mitternachtssnack verweigern wir, gehen lieber noch ein bißchen an die frische Luft, während andere ihre Fußballleidenschaft beim Testspiel der Deutschen Nationalmannschaft gegen die Schweiz befriedigen können. Mittlerweile ist es 23 Uhr. Die Sonne ist endlich untergegangen. Morgen steht die Fahrt mit der Flambahn an. Erstmals werden wir morgen norwegischen Boden betreten.

Donnerstag, 03. Juni

Obwohl ich erst durch das Berichteschreiben kurz nach Mitternacht zum Schlafen gekommen bin, werde ich um 4 Uhr hellwach. Die Sonne geht auf und taucht den „Königsfjord“ in eine warme, leuchtende Szenerie. Strahlend blauer Himmel signalisiert einen heiteren und trockenen Tag. Langsam gleitet die Maxim Gorki den „König der Fjorde“ entlang und gibt den Blick frei auf „verschlafene“ Dörfer, kleine Wasserfälle und schneebedeckte Bergregionen.

Nur allmählich erreicht die Sonne das grün schimmernde Schmelzwasser. Die Berghänge präsentieren sich allerdings noch im Halbschatten. Die bizarren Felsformationen sind zum Greifen nahe. Die ersten Möwen begleiten uns.

Gegen 8 Uhr werden wir Flam erreichen. Doch zuvor genießen wir das Farbenspiel, das uns die Sonne aufs Fjordwasser zaubert. Immer wieder stürzen Wassermassen in die Tiefe und nähren den Fjord. Unser Blick wandert immer wieder vom Fuß der Bergtäler bis hínauf in die höchsten Schneeregionen.

Mit zunehmender Tagdauer erreicht das Sonnenlicht nun auch die gesamte Wasseroberfläche und gibt in doppelten Bildern die Fjordlandschaft preis.  Kurz nach 6 Uhr verlangsamt unser Kreuzfahrtschiff seine Fahrt und biegt in einen Seitenarm, den Aurlandfjord, ein. Möwen machen kreischend auf ihre Flugvorführungen aufmerksam. Das Anlegemanöver dauert, doch es kommt keinerlei Hektik auf.

Gemächlich lassen wir den Tag angehen. Wir könnten zwar alle noch schlafen, da wir erst um 10 Uhr die Flambahn zur 866 m hoch gelegenen Bahnstation Myrdal nehmen, doch der heutige ereignisreiche Tag lässt alle Schlafspuren hinter sich, und um 9 Uhr verlassen wir bereits unser Schiff bei strahlendem „Yakee“- Wetter.

Eine Übersichtskarte hilft uns bei der Orientierung. Sie gibt uns auch Aufschluss über die besonderen Gegebenheiten auf der 20,200 km langen Strecke, die die Flambahn in knapp einer Stunde – die höchste 20%ige Steigung mit eingerechnet – bewältigt. Ein örtlicher Guide macht uns auf die 1667 erbaute Flamkirche ebenso aufmerksam wie auf den prächtigen Wasserfall Rjoandefossen, der senkrecht 140 Meter den Berg hinabstürzt. An der Einfahrt des Baklitunnels hält der Zug an, und wir begeben uns zu Fuß zum Wasserfall Kjosfossen.

Auf halber Höhe betört „Hilda“ mit anmutigem Gesang die Gäste. Ebenfalls auf der linken Seite blicken wir auf der Weiterfahrt auf den wunderschön gelegenen See Reinungavatnet, und schließlich erreichen wir pünktlich den Verkehrsknotenpunkt Myrdal an dem Streckenabzweig nach Oslo. Leider sind uns nur 8 Minuten Aufenthalt „genehmigt“ worden, und statt der erhofften Kaffeepause erhält jeder Fahrgast eine Vergütung von 5 €. Dennoch haben wir eine unvergessliche Eisenbahnfahrt erlebt, die Jahr für Jahr Menschen aus aller Herren Länder anlockt und zu den eindruckvollsten Touristenattraktionen Norwegens zählt. Besonders beeindruckt sind wir durch die Tatsache, dass der Fluss Flam durch Tunnels unter die Bahnlinie hindurch geleitet wird, demnach keine Brücken für die Flambahn erforderlich waren.

Auf unser Kreuzfahrtschiff zurückgekehrt, dauert es fast eine Stunde, bis unser Kreuzfahrtschiff gewendet hat. Auf der Rückfahrt können wir nochmals das atemberaubende Panorama mit den wilden Bergregionen bewundern. Dennoch müssen wir uns kurz vor 14 Uhr von den tiefen Schluchten, den Wasserfällen, den schroffen Felshängen und den schnee-bedeckten Bergen losreißen: Das Mittagessen beginnt. Danach müssen wir die restlichen Tickets für die Ausflüge abholen. In die Kabine zurückgekehrt, finden wir endlich Zeit, das Tagesprogramm zu studieren, in dem u.a. eine Beschreibung des Tageshighlights angefügt ist:

 

„Der Sognefjord, auch ´König der Fjorde ` genannt, liegt am Fuße der höchsten norwegischen Gebirgsgipfel und des größten festlandeuropäischen Gletschers ( Jostedalsbreen ) und ist ein Fjord der Superlative – breit und karg an seinem Ausgang, wild und dramatisch im Innern. Hauptattraktion der kleinen Ortschaft Flam, die am innersten Ende des Aurlandfjordes gelegen ist, ist die Flambahn, die sich auf einer Strecke von nur 20 km durch das enge und steile Flamstal hinauf nach Myrdal windet, das in einer Höhe von 867 m liegt. Das größte Streckengefälle beträgt ca 20% ( die Bahn ist mit fünf voneinander unabhängigen Bremssystemen ausgestattet, die jedes für sich in der Lage sein sollen, den Zug zum Stehen zu bringen ). Die Flambahn wurde bereits gegen Ende des 19. Jhs. geplant, Baubeginn war dann aber erst Mitte der 20er Jahre. Der Bau des Streckennetzes dauerte 20 Jahre, die erste Fahrt fand am 1. August 1940 statt. Inzwischen zählt die Bahnfahrt, die durch 20 Tunnels führt, zu den meistbesuchten Touristenattraktionen des Fjordlandes.“

Der Sognefjord nimmt zusehends an Breite zu. Bald sind die steilen Felspartien verschwunden. Ortschaften schmiegen sich nun an die schmalen Küstenstreifen. Die Sonnenhungrigen haben ein ideales Plätzchen gesucht, andere bevorzugen den Bordkaffee, wieder andere widmen sich Bordaktivitäten wie Sprachkurs und „Walk a mile“ mit Patric, der sich allerdings zunächst wieder nicht am vereinbarten Treffpunkt einfindet. Als auch eine Suche nach dem „Fitnesstrainer“ erfolglos verläuft, stürzen sich einige in den offiziellen Fitnessraum.

Es dauert noch eine Weile, bis unsere „schwimmende Wohnung“   die Rückfahrt durch den Sognefjord bis ins offene Meer bewältigt hat. Um 19 Uhr ist es geschafft.

Zum gleichen Zeitpunkt ist Nachtessen angesagt. Es gibt allerhand zu berichten. Das Wasser im Außenpool ist ziemlich dunkel. Keiner vermag die geäußerten Vermutungen bestätigen. Und nach der „russischen Reinigungsmethode“ gibt Larisa, nachdem sie Peter die Himbeersoße auf die Hosen gekippt hat, den Tipp: „Wasser ist in Clo.“ Der guten Stimmung tut dies aber keinen Abbruch. Nach dem Essen finden wir Platz zum „Neck“-Tar-Treff im Blumenkabinett neben der Neptun-Bar. Kredenzt werden Schlehe, Topi und Zwetschgenwasser Margarete überrascht noch mit einer Flasche Sekt, doch den heben wir uns für einen anderen Anlass auf.  Es will heute nicht Nacht werden. Noch um 23.30 Uhr ist es draußen taghell. Wie soll man da schlafen können! Doch die Müdigkeit holt uns ein.

Freitag, 04. Juni

Ab 1 Uhr wird es kalt und kälter. Durch das offene Fester zieht kalter Wind herein. Nun müssen wir im abgeschlossenen Raum den Schlaf versuchen. Es gelingt. Um 3.40 Uhr hüllt sich das Firmament mit einem roten bizarren Mantel ein. Eine nahezu geschlossene Wolkendecke hindert die Sonnestrahlen, bis zu unserem Kreuzfahrtschiff zu gelangen. Genüsslich können wir uns in unserem Bett räkeln und noch eine Mütze Schlaf nehmen, bis der Außenpool mit einer Temperatur von 34°  – die Luft ist erst 12° warm – ruft. Die ganz Sportlichen hat das „Patric-Fieber“  gepackt, und sie drehen auf Deck ihre Runden. Eine Meile ist aber schon Pflicht!

Mit dem fast Einzigen, was hier an Bord noch fehlt, einem angenehmem Vogelgezwitscher, werden wir von Kerstin, dem heutigen Bordwecker, in den frischen Tag geführt. Heute ist zwar Seetag, dennoch gilt es eine Menge „Termine“ zu erfüllen.

Sportlich kann es den ganzen Tag zugehen: Frühsport ab 8.00 Uhr, Dartturnier ab 9.00 Uhr.  Weiteren  Aufschluss über die möglichen Tagesaktivitäten gibt wieder die Bordzeitung. Doch wir lassen uns in keinen „Date“-Zwang bringen, sondern werden uns erst einmal beim Frühstück auf die vielseitigen Angebote einstimmen.  So geht nach dem lukullischen Morgenstart jeder seinen persönlichen Interessen nach.

Der Wind hat zwischenzeitlich aufgefrischt. Seit Flam hat unser Schiff 370 Seemeilen zurückgelegt, doch bis Honningsvag sind es noch 585 sm. Gegen 16.15 Uhr, lautet die Prognose, werden wir den Polarkreis überqueren. Dann gibt es für einige Tage keinen Sonnenaufgang und auch keinen Sonnenuntergang mehr. Wir sehen rasch in der Bordzeitung an, wie am heutigen Tag diese Polartaufe angekündigt wird:

„Neptung, die Hoheit der Meere, und sein Gefolge kommen heute an Bord. Alle vom irdischen Staub Beschmutzten werden untersucht, gestempelt und mit lauterem Wasser gereinigt und in sein eisiges Reich eingelassen, sofern sie für würdig gefunden… Im Anschluss an die Polartaufe können sich alle Gäste im Lido-Café bei einem Glühwein von dem Schrecken erholen.“

Als wir uns im Musiksalon einfinden, wissen wir immer noch nichts über den Verlauf dieser Zeremonie. Der gesamte Boden ist mit blauer Folie ausgelegt. Da schießen doch Passagen der Vorankündigung uns in den Kopf: „Eisig“  „gereinigt“! Was da auf uns zukommt! Bald ist es soweit. Die Massen sind geströmt. Kein Platz ist im Musiksalon mehr frei. Neptun zieht mit Gefolge unter lauter „Musik“ ein und nimmt auf seinem Thron Platz. Nachdem sich die Schiffscrew unterwürfig unter die Herrschaft der Meereshoheit gestellt hat, erhält sie den Goldenen Schlüssel zum Überqueren des Polarkreises. Neptun wendet sich dann an alle Neulinge, zwingt zunächst eine Vertreterin der Reiseleitung zur Erfüllung der vorgeschriebenen Weihungszeremonie und lässt dann sein Gefolge alle Neulinge einfangen und vor den Thron schleppen. Nach Erfüllung der Reinigungszeremonie – ist nicht jedermanns Geschmack – werden dann die Prüflinge mit dem Meeressiegel entlassen.

Es geht recht turbulent zu. Auch Irmgard und Anita geraten in den Sog der „Willigen“. Auch sie werden eingeseift, müssen Fisch und den Fuß der Meeresjungfrau küssen, erhalten den Stempel und werden schließlich von Käthe noch ins rechte Bild gesetzt. Nach diesem Spektakel gibt´s manches zu bereden. Doch wir haben Termin beim Kapitän auf der navigatorischen Kommandozentrale. Die meisten Informationen sind nicht nur akustisch nicht zu verstehen, sondern wir sind eher von der ausgeführten Technik und der Vielfalt der Geräte verwirrt.

Was darf´s am Nachmittag sein: ein Vortrag über Lachs und Grieg, Bingo oder Russischunterricht, eine Weinprobe oder Bilderausstellung? Die Möglichkeiten reißen nicht ab. Die Entscheidung, ein Sonnenbad zu nehmen, scheitert allerdings am Wind. Doch jeder findet eine individuelle Lösung und genießt für sich den eigenen Nachmittag bis zum gemein-samen Abendessen um 19 Uhr.

So ist es auch nicht leicht, die Gruppe am Nachmittag aufzuspüren. Einen erneuten Versuch starten die Reisebegleiter dann zur Kaffeestunde. Ganz stolz sind wir, dass wir dabei zehn Teilnehmer unserer Gruppe im Musiksalon antreffen bzw. „vereinen“ können. Da ja alle, wie wir wissen, extrem schlank sind, kommen die süßen Stückchen gerade recht. Und anschließend lernen wir erstmals Bingo kennen. Käthe und Irmgard sind aber leider nicht bei den Gewinnern.

Um 18.30 Uhr sind wir wieder in der Kabine, um auf Kanal 1 des Russischen TV-Studios die Landganginformationen über Honningsvag zu bekommen:

Heimat der Trolle, imposante Wasserfälle, Reich des Nordlichts, zauberhafte Landschaft, Fahrt zum Nordkap, alte samische Lebensweise, Meridiankugel, 71°10´21´´, Mitternachtssonne! Allein diese Ankündigung verspricht einen besonders erlebnisreichen und interessanten Ausflug.

Nach dem Abendessen nutzt jeder wieder seine Entscheidungsfreiheit. Die Reisebegleiter sehen sich im Theater den Film „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“  an, der allerdings 166 Minuten dauert und erhebliche Konzentration und Ausdauer verlangt. Andere gehen zur Black&White-Party.

Das Zauberwort „Mitternachtssonne“ liegt in der Luft. Doch wir können sie an Steuerbord nicht sehen. Doch ein Blick auf die Lofoten, deren Schneegipfel ein rosa Kleid angelegt haben, lassen uns mit der Kamera nach Backbord eilen. Phantastisch! 

Die Mitternachtssonne taucht Schiff, Wasser und die Inselgruppe in ein noch nie gesehenes Gold. Viele Gäste sind trotz eisiger Kälte an Deck geeilt, haben ihre Fotoapparate gezückt und halten dieses Naturschauspiel fest. Gerne hätten wir an Deck noch länger verweilt, doch der durch den Fahrtwind noch verstärke Wind und eine Außentemperatur von kaum 4° reißen uns aus der Betrachtung und schicken uns in die geschlossene Wärme zurück.

Aber auch von der Kabine aus schweift unser Blick nochmals über die faszinierende Partie der lang gestreckten Lofoten-Inselgruppe im Atlantik, bevor wir schließlich nach 1.30 Uhr das Bett aufsuchen. Da wir unsere anderen Teilnehmer nirgends finden konnten, hoffen wir, dass alle anderen dieses Naturereignis auch zu Gesicht bekamen. Morgen beim Frühstück werden wir sie befragen.

 

Teil 2 des Reiseberichtes „Norwegens schönste Fjorde und Nordkap“ folgt.

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Autor: Peter

alter Seebär und Kreuzfahrer

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